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Philosophie

Werte - Warum man sie braucht, obwohl es sie nicht gibt

Autor*in:Andreas Urs Sommer
Verlag:J.B. Metzler, Stuttgart 2016, 199 Seiten
Rezensent*in:Bruno Heidlberger
Datum:12.03.2017

Andreas Urs Sommer (*1972) ist ein Schweizer Philosoph, Publizist und Numismatiker. Er lehrt Philosophie an der Universität Freiburg im Breisgau und leitet seit 2014 die Forschungsstelle Nietzsche-Kommentar der Heidelberger Akademie der Wissenschaften mit Sitz an der Universität Freiburg. Er ist Direktor der Friedrich-Nietzsche-Stiftung in Naumburg (Saale). Sein neuestes Buch Werte. Warum man sie braucht, obwohl es sie nicht gibt wurde im Sommer 2016 veröffentlicht.

Unterliegen wir nicht alle dem Zwang, an Werte zu glauben – an ihr Vorhandensein, an ihre Wirkungskraft, an ihren Verpflichtungscharakter? Gibt es universelle Werte oder sind diese bezogen auf die jeweilige Kultur und Tradition relativ? Das sind die Fragen, denen Sommer in seinem Essay nachgeht. Angesichts der Umwertung der westlichen Werte durch den neuen US-Präsidenten und seine europäischen Freunde versprechen Titel und Thema des Buches großes öffentliches Interesse.

Der Philosoph aus Freiburg hält den Glauben an die Existenz von Werten für ein Produkt ontologischen Denkens des 19. Jahrhunderts. Gegen derlei „materiale Wertethik“ empfiehlt er, vor allem gegenüber „politischen Wertpredigern hochdosierte Skepsis“. Angebracht sei sie hinsichtlich der „Sprechblasen“ der Bundeskanzlerin und des „nicht ganz so beliebigen SPD Hofhistoriographen“ Heinrich August Winkler vor allem dann, wenn diese von einem „Europa der Werte“ mit einem „universal-integrativen Anliegen“ redeten.

Wenn ich bewerte, so Sommer, schreibe ich einer Sache oder Gegebenheit einen bestimmten Wert zu. Werte seien „Übersetzungen sehr konkreter und sehr divergenter Wünsche. Der Banker versteht unter Freiheit etwas anderes als der Häftling, der Sozialrevolutionär etwas anderes als der religiös Erweckte. Werte sind immer Werte für jemanden.“ Sommer ist überzeugt: Bewertungen hängen von der Perspektive des Bewertenden, von der Situation, der Kultur, aber auch von der Zeitebene ab. Ihrer Geltung hafte der „Geruch der Vergänglichkeit“ an.

Das Werte-Denken sei relativ neu. Werte seien von Philosophen in einem Augenblick „entdeckt“ worden, als die weltanschaulichen und religiösen Rahmenbedingungen im 18. und 19. Jahrhundert wegbrachen. Sommer nennt die Philosophen Nicolai Hartmann, Hermann Lotze und den konservativen katholischen Max Scheler, für den „die Werttatsachen als Urphänomene keiner weiteren Erklärung zugänglich“ seien. Der Historismus und die Erkenntnisse Darwins hätten demgegenüber zu der Einsicht von der Kontingenz, gerade auch der menschlichen „Vernunft als Absolutem“, geführt. Sommer teilt mit Nietzsche und manchen Philosophen des 20. Jahrhunderts, mit Heidegger und Wittgenstein, die Skepsis, mittels einer praktischen Vernunft auf die Frage, was sind legitime universelle Werte, eine Antwort geben zu können.

Einer der Popularisatoren der Rede von Werten war und ist für Sommer Friedrich Nietzsche. Nietzsche war der Ansicht, dass alle Maßstäbe, mit denen wir messen, was Menschen tun und hervorbringen, historisch geworden sind. Dies gelte sowohl für die Kantische Vernunft als auch für alle anderen Werte. Werte seien zu „Substanzen als ob“ geworden. Sie kämen motivierend oder rechtfertigend in alltäglichen Situationen zum Tragen. Werten werde mit Werten pariert, Moral mit Gegenmoral. Gegen den Wert des Gottesglaubens würde der Wert der Religionsfreiheit erfunden, gegen den Wert der sozialen Hierarchisierung nach persönlichem Verdienst würde der Wert der Inklusion erfunden, gegen die Werte der Ehe und der Familie würden die Werte der freien sexuellen Orientierung und des Gender Mainstreams erfunden. „Aus dem Zwang zum Werte-Diskurs entsteht Werte-Inflation.“ Werte werden also kommunikativ und reflexiv erzeugt. Für unterschiedliche Lebensbereiche bräuchten wir unterschiedliche Werte. Unser modernes Leben ließe sich eben nicht auf „die Kanten eines so groben Klotzes zurechtzimmern“ wie es „das Gute der Kirchen“ gewesen sei. Die Geschichte zeige: Moralische Werte seien formbar wie Wachs. Dies sei kein Mangel, sondern ein gewaltiger „evolutionärer Vorteil“ der Werte. Werte hätten eine geschichtliche Halbwertszeit.

Eine Vermehrung der Werte sei „kein notweniges Übel, sondern ein hohes Gut“. Sommer sieht aber auch die Gefahr einer Wertedeflation und das „Zusammenschnurren eines bunten und breiten Werterepertoires auf wenige Werte“, womöglich auf einen einzigen, etwa den der eigenen Nation und Rasse. Dagegen helfen, so Sommers Überzeugung, „die Vielfalt und Vielstimmigkeit verschiedener Werte“ sowie die Offenheit der Streitkultur. Sie verfeinere unseren Wirklichkeitszugriff und garantiere unsere Freiheit.

Sommers relativistische Ethik wird verständlicher, wenn man einen Blick auf sein Bild vom Menschen wirft. Bei der Bildung des Selbstbewusstseins und der Wertewahl räumt Sommer, wie der Behaviorismus, der Gesellschaft den Primat ein. Eine Moral, die auf der kantischen Selbstgesetzgebung eines freien Willens gründet, ist für Sommer nicht denkbar. Wir Menschen seien in ein historisches und kulturelles Wertgefüge eingebettet und „keine souveränen wertsetzenden Individuen“. Sommer lobt die diffuse Mehrdeutigkeit des „Wertepluralismus“ als Befreiung von normativen Zwängen und „philosophischer Oberzensur“. Gehört denn auch die begriffliche Unterscheidung zwischen Gut und Böse der Vergangenheit an? Oder heißt moralisch sein nicht im Kern, den Unterschied zwischen Gut und Böse zu kennen und zu wissen, wo die Grenze zwischen beiden verläuft? Dies heißt auch, die eigene Verantwortung für die Förderung des Guten und den Widerstand gegen das Böse zu erkennen.

Im letzten Kapitel untergräbt Sommer seine wertrelativistischen Aussagen, wenn er unerwartet zwei „oberste moralische Werte“ ins Spiel bringt: Freiheit und Gleichheit. Er empfiehlt von der Schweiz zu lernen, wo beide „kontradiktorischen Werte“ in einem „dynamischen Gleichgewicht“ gehalten würden. Auch in der Weimarer Republik herrschte die Auffassung vor, allein das freie Spiel der Kräfte gewährleiste in einer Demokratie automatisch auch deren Erhalt, und Recht sei, was auf verfassungsgemäße Weise Recht und Gesetz geworden war. Was für ein Irrtum!

Der Werterelativismus, Ausdruck vielfältiger Interessen in einer offenen Gesellschaft, versagt, wenn reaktionäre politische Kräfte an den Grundfesten der liberalen Demokratie rütteln. Er untergräbt den Glauben des Humanisten an universell gültige Werte und an die reflexive Urteilskraft und bereitet so ungewollt den Feinden der Freiheit den Boden vor. Losgelöst von Nützlichkeitserwägungen formuliert das Bundesverfassungsgericht grundsätzlicher: Es versteht die Grundrechte als „objektive Wertordnung“. Auch verbietet das Grundgesetz im Art. 79 Abs. 3 mit der „Ewigkeitsklausel“ jegliche Veränderung der Art. 1 und 20. Wehrhafte Demokratie und Grundrechtestaat sind der sichtbarste Ausdruck des Fazits, das das Grundgesetz aus dem „Trauma Weimar“ gezogen hat.

Heute erscheint uns die Bestimmung von Werten als ontologische Wesenheiten, denen ein objektives Sein zukommen soll, sonderbar. Auch kann es nur einen metaphorischen Sinn haben zu sagen, die Menschenrechte sind angeborene Naturrechte und gelten universell. Sie können, wie alle Rechte, nur verliehene Rechte sein und als regulative Ideen gelten. Schüttet Andreas Urs Sommer nicht das Kind mit dem Bade aus, wenn er sich, trotz lauem Bekenntnis zu so „genannten freiheitlich-demokratischen Werten“, von einer wertrationalen praktischen allgemeinen Vernunft verabschiedet und dem Nihilismus erneut den Weg bereitet? Und das in einer Zeit, in der die Aufklärung rückwärts zu laufen scheint. Wenn alles Meinungssache ist, dann wird alles zu einer Machtfrage, wie wir es aktuell mit dem Trumpismus erleben. Wenn die Macht das letzte Wort hat, entscheidet sie auch über Recht und Moral und darüber, was wahr und gut ist. Mit Ernst Tugendhat wäre an Andreas Urs Sommer die Frage zu stellen: Wie kann eine moralisch legitime Ungleichbehandlung und eine nur partikulare Anerkennung von Menschenrechten begründet werden? Eine solche Auffassung müsste Gründe für eine “primäre Diskriminierung” angeben, die annimmt, “dass es eine vorausgehende Wertunterscheidung zwischen den Menschen gibt”. (Ernst Tugendhat)