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Rezensionen
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Biographien

Unorthodox

Autor*in:Deborah Feldman
Verlag:Sezession-Verlag für Literatur, Berlin 2016, 319 Seiten
Rezensent*in:Erdmute Struck
Datum:09.08.2017

Auf zwei Seiten, die sie ihrer autobiografischen Erzählung voranstellt, erklärt die Autorin, wie die ultraorthodoxe, chassidische Sekte Satu Mare, der sie bis Anfang ihres 20. Lebensjahres angehörte, entstanden ist. Sie wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von einem Rabbi aus einer Stadt an der Grenze zwischen Ungarn und Rumänien in New York gegründet und zählte inzwischen annähernd 120.000 Mitglieder: „Chassidische Juden in Amerika kehrten bereitwillig zurück zu einem Erbe, das an der Schwelle des Verschwindens gestanden hatte, trugen traditionelle Kleidung, sprachen, wie ihre Vorfahren auch, ausschließlich Jiddisch. Viele von ihnen lehnten die Gründung des Staates Israel bewusst ab, da sie glaubten, dass der Genozid an den Juden als Strafe für Assimilation und Zionismus über sie gekommen war. Chassidische Juden aber richteten ihr wichtigstes Augenmerk auf die Fortpflanzung und wollten die vielen, die umgekommen waren, ersetzen und ihre Reihen erstarken lassen. Bis zum heutigen Tag haben die chassidischen Gemeinden nicht aufgehört, rasant anzuwachsen, was als endgültige Rache an Hitler verstanden wird.“ (6)

Feldman beginnt mit eindrücklichen, farbigen Kindheitserinnerungen, in denen die Großmutter, Bubby genannt,  mit ihren wundervollen Produkten der Koch- und Backkunst im Mittelpunkt steht: „Bubby ist die einzige Person, die denkt, ich sei zu hundert Prozent da. Bei ihr kannst Du sicher sein, dass sie es niemals hinterfragen würde. Sie verurteilt Menschen nicht.“ (22) Ihre schmackhaften Kuchen und Süßspeisen werden aber auch früh zum Ersatz für verlorene Glücksmomente – als die Mutter ihr vor dem Einschlafen vorlas und der Vater sie in eine koschere Bäckerei mitgenommen hat, wo sie sich wichtig vorkam, weil auch er einmal eine wichtige Funktion hatte.

Deborah Feldman wächst überwiegend bei den Großeltern auf, um die sich besonders zu den jüdischen Festen die Großfamilie versammelt. Im Haus gibt es außer Gebetsbüchern nichts zu lesen. Deborah Feldman erzählt, wie sie die strenge Durchsetzung der speziellen chassidischen Lebensgesetze der Sekte der Satmarer in der Familie und Schule in ihrer Kindheit und Jugend erfährt in einem abgeschirmten Umfeld von Williamsburg, New York. Sie erlebt, wie eingeengt das Leben von Mädchen und Frauen ist. Sexualität und damit auch Aufklärung ist Tabu, die Reinheitsgebote um die Menstruation herum müssen äußerst penibel und beschämend eingehalten werden und werden von der Autorin umfassend geschildert – ebenso das übliche Prozedere der arrangierten Eheschließung. Da ist sie 17 Jahre alt und erhofft sich mehr Freiheit. Erst nach vielen kränkenden Erfahrungen und Arztbesuchen wird ihr verständlich, dass sie an Frigidität leidet und wie diese Störung mit der fehlenden Unkenntnis und Wahrnehmung des eigenen Körpers zusammenhängt – eine Folge der radikalen Regeln und Verbote.

Die Umwelt in und außerhalb der großen Familie hat sie jedoch von Kindheit an mit wacher Intelligenz wahrgenommen, dabei zunehmend kritisch, was mit vielen Schuldgefühlen verbunden ist. Während sie durch die Großeltern und eine Lieblingstante Zuwendung und Sicherheit erfährt, spürt sie, dass sie sich aufgrund eines Familiengeheimnisses um die Eltern in einer Außenseiterrolle befindet. Während ihre Mutter die Gemeinschaft früh verlassen hat, ist der Vater das schwarze Schaf der Familie, ein verwahrloster Gelegenheitsarbeiter, der hin und wieder alkoholisiert auftaucht. Diese Erfahrung ihrer Außenseiterrolle mag auch ihren Gerechtigkeitssinn und ihren Wissenshunger mit gefördert haben.

Besonders abstoßend erlebt sie die von ihr verlangte strikte Unterordnung als Frau. Die Abgrenzung gegenüber der englischen Sprache, die als unrein gilt, durchbricht sie, indem sie sich meist Literatur aus entfernteren Büchereien besorgt. Durch Zitate zu Beginn der Kapitel vermittelt die Autorin uns, welche Leseerlebnisse ihr Identifikationen und größere geistige Freiräume ermöglichten, bevor sie sich mit Anfang zwanzig aus ihrem sozialen Umfeld auch körperlich löste: Roald Dahl, Matilda, Chaim Potok, Die Erwählten, Louisa May Alcott, Little Women, Jane Austen, Stolz und Vorurteil, Betty Smith, Ein Baum wächst in Brooklyn, Pearl Abraham, Die Romanleserin, Lucy Maud Montgomery,  Anne auf Green Gables.

Nach drei Jahren High School ist die Schule beendet: „Wir machen früh unseren Abschluss, da es sinnlos wäre, ein weiteres Jahr damit zu vergeuden, eine Bildung zu verfolgen, die wir nicht benötigen.“ (140) Mit 17 Jahren beginnt sie an der von ihr besuchten Schule selbst zu unterrichten. Und sie wird, nach Geburt ihres Sohnes, aufgrund ihrer erfolgreichen Bewerbungs-Essays in ein Programm für Erwachsene an einer nichtjüdischen Hochschule aufgenommen. Sie entscheidet sich als erstes für einen Poetik-Kurs (während sie offiziell Wirtschaftskunde studiert), in dem sie Werte wie Emotionalität, Intuition, Offenheit erfährt, die sie offenbar ebenfalls identitätsstiftend erlebt. Später belegt sie Philosophiekurse sowie Theater- und Schreibkurse.

Eine besondere Rolle spielen in diesen Jahren Freundinnen, durch die sie sich unterstützt fühlt, ihren Radius zu erweitern. So wächst allmählich der Wunsch, keine „chassidische Jüdin“ mehr sein zu wollen. Gedanken um die Zukunft ihres inzwischen zweijährigen Sohnes scheinen dabei eine große Rolle gespielt zu haben. Sie sorgt sich, denn sobald er drei Jahre alt wird, muss er ebenfalls die männlichen Schläfenlocken, die Pejes tragen und in den Cheder, die Torahschule gehen: „Ich kann mir nicht länger vorstellen, ihn in dieses kleine, stickige Leben zu entlassen, während ich mich so sehr nach einem freien sehne.“ (289) Aber wie ein anderes Leben finden, ohne Mittel oder Reserven, um ihre Lebensumstände zu verändern?  Nach außen lebt sie koscher, kleidet sich sittsam und gibt vor, eine unterwürfige chassidische Frau zu sein; nur im College zieht sie ihre Jeans an und legt die Perücke ab, die sie als Frau zu tragen hat: „Innerlich sehne ich mich danach, aus jeglicher Form auszubrechen, jegliche Barriere niederzureißen, die je errichtet wurde, um mich davon abzuhalten zu sehen, zu wissen, Erfahrungen zu machen. Mein Leben ist eine Übung im Verheimlichen, wobei das größte Geheimnis mein wahres Ich ist, und für mich ist es am  allerwichtigsten geworden, dieses Ich vor Eli zu verbergen.“ (Ebd.)

Deshalb hält sie ihre Gedanken auch nicht mehr in Tagebüchern fest wie in früheren Jahren. Der Wunsch, diese aufzuschreiben ist jedoch so drängend, dass sie einen anonymen Blog im Internet beginnt, den sie Chassidische Feministin nennt, angeregt durch ihre feministische Lektüre am Sarah Lawrence College. Das Erste, worüber sie schreibt, handelt von der Schwierigkeit, ihre Ehe zu vollziehen – sie hat inzwischen erfahren, dass sie gar kein Einzelfall ist, und traut sich nun, „ihren gewaltigen Defekt dort draußen für jedermann sichtbar zu posten, natürlich anonym.“(291) Es fühlt sich „merkwürdig befreiend an“, und sie erhält eine Flut von Kommentaren, die Leser debattieren untereinander; dabei wird sie gewarnt, dass man sie nicht mit Kind aus der Sekte gehen lassen wird. Unterstützt von einer Freundin, die sich aus einem christlichen Sektenumfeld und ebenfalls einer Außenseiterrolle erfolgreich befreien konnte, glaubt Feldman jedoch an ihre Befreiung und beginnt, sich innerlich von den Menschen und Dingen in ihrem Leben zu verabschieden. Sie besucht die „dramatisch gealterten“ Großeltern zum letzten Mal, ohne dass sie wirklich weiß, wo sie hingehen kann. Sie weiß jedoch, was sie nicht will. Besonders die Werte der chassidischen Lebensregeln des Großvaters werden dabei einer Prüfung unterzogen. So stellt sie fest, dass geistiges Wachstum auch für sie wichtig ist, während Luxus und Statussymbole für sie wenig Wert haben. Jedoch sind sie für den Großvater an die Enge der Sekte gebunden, wobei der Erzählerin inzwischen die Welt innerhalb wie außerhalb ihrer Glaubensgemeinschaft gleichermaßen eng erscheint. Sie spürt in sich ein „kratergroßes Loch“, einen „brennenden Hunger“ nach Freiheit des Ausdrucks und Selbstseins (was ich bei den essgestörten jungen Frauen, zu denen sie zeitweise auch gehört, „die eigene Stimme“ nenne), den sie als Kind (s.o.) mit Essen zu befriedigen suchte. Ein großer Teil von ihr hat noch eine gewaltige Angst („vor der Freiheit“, wie es Erich Fromm sagt). Sie konkretisiert: Weil sie eine Frau ist und damit „zerbrechlich“ – eine Angst, es nicht allein zu schaffen. Auch leidet sie unter nächtlichen Ängsten und schämt sich schon lange dafür. Als ihr Mann eine Woche auf Reisen ist, begreift sie diese Zeit als Übungsmöglichkeit, alleine zurechtzukommen, „es gelingen zu lassen“, wie sie es formuliert. (297)

Über ihren Blog entsteht der Kontakt zu einer Literaturagentin, die sie bei den notwendigen Schritten zum Schreiben dieses ersten Buches unterstützt. Der endgültige Bruch mit ihrer 23jährigen Vergangenheit erfolgt nach einem schweren Unfall durch abgefahrene Reifen, die ihr Mann aufgrund der Kosten sich geweigert hatte auszuwechseln. Dass sie den Unfall überlebt, verwirrt sie zunächst. Was für einen Sinn könnte das haben? Während des Unfalls denkt sie, dass sie sterben wird und dass es einen Gott gibt, der sie bestraft. Soll der Unfall sie zum Gehorsam zurückbringen? Wenn sie jedoch ihren Körper betrachtet, der unversehrt geblieben ist, so gibt ihr das ein unerwartetes Gefühl von Stärke und offenbar auch Mut, sich zu trennen. (303) Auch ihr Mann erkennt, dass ihre Ehe zu Ende ist, er schlägt die Scheidung vor, und sie zieht mit ihrem Sohn aus.

Erzogen darin, als Frau übertriebene Schamgefühle zu empfinden, überwiegen auch im ersten Jahr nach dem Auszug Schamgefühle gegenüber ihrer Herkunft. Aus dem Abstand beginnt sie jedoch ihre Vergangenheit als reiche und exotische Geschichte zu schätzen: „denn trotz all der Schwierigkeiten hat mich mein Leben in einer unauslöschlichen und unverwechselbaren Weise gezeichnet.“ (307) Und sie empfindet Stolz, Dankbarkeit und eine den ganzen Körper durchströmende Freude angesichts des bisher Erreichten und der Freiheit, neue Erfahrungen machen zu können. Dass sie ihre Geschichte veröffentlicht hat gegen die eigene Tendenz, sie aufgrund ihrer Schamgefühle und Angst vor (äußerer und innerer) Abwertung als Ex-Chassidin  geheimzuhalten, habe sie gestärkt. Im Nachwort zum Buch schreibt sie dazu: „Es fühlt sich gut an, mit sich im Reinen zu sein und zu wissen, dass ich andere Menschen dazu anrege, ebenso zu handeln.“ (311) Gleichgesinnte Rebellen seien inzwischen ebenfalls an die Öffentlichkeit gegangen.

Die Popularität des Buches in den USA, der ersten Veröffentlichung über eine sehr abgeschottete jüdische Sekte, geht jedoch auch auf die Bekanntheit zurück, die das Buch u.a. durch die wütenden Angriffe ultraorthodoxer Juden erfuhr. Deborah Feldman wurde von ihnen der Lüge beschuldigt und von anderer Seite, dass sie die weltweite jüdische Gemeinde blamiert hätte. Sie selbst erhofft sich aus der Kontroverse, „dass ein solcher Dialog Reformen und Veränderungen in der fundamentalistischen jüdischen Kultur auslösen könnte. Frauenrechte und die Rechte der Kinder liegen mir sehr am Herzen, und mir ist vollkommen klar, wie diese Rechte in der Gemeinschaft, in der ich aufwuchs, verletzt werden können, was in gleicher Weise auch für ähnliche Gemeinschaften überall auf der Welt gilt.“ (310)

Sie erzählt, wie sie die Zeit der Angriffe überstanden hat und warum sie später nach Berlin zog: „Eine Religion, eine Gemeinschaft und eine Familie zu verlassen, hat einen hohen Preis. Ich musste lernen, Ruhe zu finden, selbst im Angesicht von Hass und Beschimpfungen aus meiner ehemaligen Gemeinschaft. Ich zog mich schließlich auf dieselben Hilfsquellen zurück, auf die ich auch als Kind angewiesen war; ich las Bücher, und die Geschichten dienten mir als Nahrung, die mir half, durch diese harten Zeiten zu kommen.“ (312) Nach Berlin sei sie gezogen, weil sie sich als „wurzellosen Wanderer, der nirgends richtig hin passte“, fühlte. Die Stadt scheine ein Zuhause für Menschen wie sie zu bieten. Sie sei inzwischen offenbar fähig, „um in einer säkularen Gesellschaft zu leben“, und fühle sich „geliebt und geschätzt“, wie sie es nie für möglich gehalten habe. Sie drückt ihre Freude über die Entwicklungsmöglichkeiten ihres Sohnes aus, dass er im Gegensatz zu ihr „ohne Angst“ aufwachsen könne. (313) Zum Ende schreibt sie: „Ich habe meinen Platz in der Welt gefunden und bin wider alle Wahrscheinlichkeit in das Land zurückgekehrt, aus dem meine Familie so brutal hinausgeworfen wurde, und ich habe schließlich mein wahres Zuhause zurückerobert. Die Menschen fragen mich, ob wir Glück gefunden haben; doch was wir gefunden haben, ist besser: Authentizität. Ich bin frei, ich selbst zu sein, und das fühlt sich gut an. Wenn irgendwer jemals versuchen sollte, Dir vorzuschreiben, etwas zu sein, was Du nicht bist, dann hoffe ich, dass Du den Mut findest, lautstark dagegen anzugehen.“(313)