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Biographien

Der Atem der Welt – Johann Wolfgang Goethe und die Erfahrung der Natur

Autor*in:Stefan Bollmann
Verlag:Tropen Verlag, Stuttgart 2021, 656 Seiten
Rezensent*in:Matthias Voigt
Datum:15.03.2023

Seiner Goethe-Biographie stellt Stefan Bollmann, Lektor bei C.H.Beck, als Motto die Bemerkung eines mir unbekannten Naturforschers voran. Dieser begrüßt in dem um 20 Jahre älteren Dichter einen Verwandten im Geiste, wenn er sagt, dass Goethes Geist eigentlich zum Naturforschen angewiesen war: „Goethes Geist zergliederte; im Werther die Liebe, im Wilhelm Meister das Leben, in den Dramen Geschichte und Leben. Überall Sistematik, Ordnung, Logik in Vers und Prosa. … Er arbeitete durch den Schacht der Gefühle zur Klarheit hinaus. (…) Ich verehre Goethe als Dichter, doch scheint es mir eine Ablenkung seines Geistes, der wir freilich mehr danken, als dem geradesten Wege manches selbst ausgezeichneten Geistes, dass er dichtete, während er zum Forschen am organisiertesten war“ (Kaspar Maria von Sternberg 1837).

Auf spannenden 600 Buchseiten bringt Bollmann uns Goethe in seiner Bedeutung als Naturforscher nahe. Diese Rolle werde unter Goethe-Liebhabern zu Unrecht leicht als Marotte abgetan. Goethe selbst hätte dies vermutlich als eine Unterschätzung seiner Person kommentiert; immerhin hatte er sich in seiner Farbenlehre mit Newton anlegt. Wie ernst und fundamental sein Interesse für die Natur war, zeigt auch die Freundschaft mit dem ebenfalls um 20 Jahre jüngeren Alexander von Humboldt.

Bollmann weist daraufhin, dass sich in der Goethe-Forschung offenbar ein Verständnis durchgesetzt hat, das den Poeten als Abwehr gegen den Siegeszug der aufkommenden Naturwissenschaften benutzt. „Goethe galt den meisten seither als Schöngeist mit einem Naturspleen, über den eine verständnisvolle Nachwelt in der Regel gnädig hinwegzusehen bereit war.“ Was uns Lesern an Exempeln für die Haltbarkeit der These „Goethes Leben ist eine Geschichte der Erfahrung der Natur (…) und zwar nicht unter Laborbedingungen, sondern an der frischen Luft“ geboten wird, ist vielfältig. Es eröffnet sich vor uns ein schier unglaubliches, detailreiches Dokumenten-Material, das von geübter Hand gesichtet und geordnet zur Anschauung gebracht wird.

Als Psychotherapeut berührten mich insbesondere die von Bollmann beschriebenen atmosphärischen Bedingungen im Elternhaus. Wer Dichtung und Wahrheit gelesen hat, weiß, dass sein Verfasser in den ersten Sätzen auf die Konstellation der Gestirne zu seiner Geburtsstunde hinweist. Als ich diesen Anfang von Goethes Autobiographie hörte, vorgelesen von Gert Westphal, ging mir durch den Sinn: Hier stellt einer seine Existenz im ganz großen Maßstab zur Schau. Für diesen neuen Erdenbürger legen sich sogar die Planeten ins Zeug. Doch die Umstände, die Bollmann mitteilt, verweisen zwar auf ein mächtiges Selbstbewusstsein, aber zugleich auf dessen heikle und bedrohte Seiten; denn für die erst 18-jährige Mutter war es eine schwere erste Geburt. Nur gerade eben so überlebte der schon für tot gehaltene Knabe.

Auch nach der „Genesung“ zeigte sich die junge Frau von der Aufgabe der Mutterschaft überfordert. Beide Elternteile bangten in den ersten Monaten oft genug um das Überleben des Kindes, wenn dessen von Panik erfasster Leib am Luftmangel zugrunde zu gehen drohte. Vermutlich war es auch der fürsorgliche Einsatz des Vaters, der den Kleinen rettete. Das Schicksal presste diesen Neugeborenen arg, um ihn schließlich doch noch ins Leben zu entlassen. Von den Fünfen, die ihm bald nachfolgten, überlebte nur die Schwester, aber auch sie nur bis zu ihrem 27. Jahre.

Man liegt wohl nicht falsch, zu vermuten, dass es diesem Erdenbürger nicht leicht gemacht wurde, Vertrauen zu Mutter-Natur zu fassen. Bollmann kommentiert diesen heiklen Weg ins Leben behutsam; doch lassen sich unschwer die Bedingungen erahnen, aus denen auch eine narzisstische Seite Goethes erwuchs. Das seelische Band dieser bedrohten Leib-Einheit ist geschwächt; andere Vermögen müssen im Organismus den Mangel ausgleichen. Und diese Kompensationsleistungen erbringen offenbar unsere Sinnesorgane. Deren verstärkte Leistungsfähigkeit muss diese Lücke zwischen Mensch und Mensch überbrücken. Solche Kinder, insbesondere bei dem hohen Grad an Vitalität als mütterlichem Erbe, expandieren im günstigen Falle vehement in die Welt.

Was die junge Mutter dem Sohn anfänglich an Versagungen bereitet hatte, entschädigte sie mit einem Übermaß an Zärtlichkeit. Ihr „Hätschelhans“ wuchs in einer überbeschützenden Treibhausatmosphäre auf. Was beim Ehemann nicht lebbar war, fand hingebungsvolle Antwort in der frühreifen Sinnlichkeit des Knaben. Mütterliche Bereitschaft zu allfälliger Bewunderung seiner Phantasietätigkeit bereitete ihm den Weg in seine künftige Lebensrolle; die des von allen verehrten kommunikativen Genies, das erfreute und zugleich belehrte.

Und noch von einer ganz anderen problematischen Naturerfahrung wird uns berichtet: Das katastrophale Erdbeben von Lissabon erschütterte 1755 die Welt. Eine ungeheure Feuersbrunst und ein mächtiger Tsunami zerstörten die Stadt und kosteten Zehntausende das Leben. Der wache Sechsjährige war wie seine Zeitgenossen außer sich darüber, wie ein angeblich gütiger Gott so etwas ohne Ansehung der Person habe geschehen lassen können. Die Zeit der Märchen endete für Johann Wolfgang abrupt in Schreckensbildern.

Zur Beruhigung dieses krisenhaften Erlebens scheint es dann ebenso plötzlich gekommen zu sein. Gemeinsam mit dem Großvater hörte der Junge eine Predigt, in der die ewige Weisheit unseres Schöpfers gegen alle Zweifler siegen durfte. Auf die Frage, ob er denn den Sinn des Gesagten verstanden habe, vernahm man aus dem Munde des Knaben: „Am Ende wird alles noch viel einfacher sein, als der Prediger meint, Gott wird wohl wissen, dass der unsterblichen Seele durch böses Schicksal kein Schaden geschehen kann.“

Was mit dieser lapidaren Philosophie aus Kindermund gemeint war, dürfte schwer zu belegen sein. In jedem Falle erregte der Knabe das Staunen der Zuhörer und, so berichtet es die Mutter, seit jener Äußerung sei ihr Sohn „über alles hinweg“ gewesen. Nach Auffassung Bollmanns zeigen sich hier bereits erste Anzeichen für Goethes spätere Idee der Unsterblichkeit, die in die Prometheus-Figur einfloss. Dort wird die irdische Revolte gegen ein blindes Schicksal zur eigentlichen Sache des Menschen erhoben. Vielleicht wirkte hier die narzisstische Seite Goethes mit an einem Menschenbild, das fortan ohne Schöpfergott auskommen sollte.

Hier kommt die Vaterthematik ins Spiel. Johann Caspar Goethes Expansionsradius reichte neben dem Jura-Studium bis zur Bildungsreise nach Italien. Die Heirat der Bürgermeisterstochter und der Rückzug aus der politischen Sphäre des Frankfurter Patriziats sicherte ein ruhiges Wohlleben. Kompensation nach innen, Verschönerungsmaßnahmen des Hauses und nicht zuletzt die Erziehungsbemühungen an seinen beiden Kindern entsprachen dem Geiste der Aufklärungspädagogik jener Tage. Johann-Wolfgang nahm zur Freude des pedantischen Mannes die Sache sportlich. Er lernte mit Eifer alte und neue Sprachen, wohingegen Cornelia, als vermeintlich unbelehrbar, schlecht abschnitt.

Der 17-Jährige, vom Vater zum Jura-Studium im stock-lutheranischen Leipzig gedrängt, geriet in eine bedrohliche Gesundheitskrise, wie sie schon einmal dem Pubertierenden zuteil geworden war. Offenbar forderte seine expansive Seele dem Leibe mehr ab, als dieser zu ertragen fähig war. Vormals hatte er einen klugen jungen Quasi-Psychotherapeuten an der Seite, der ihm half, sein kleines Liebesabenteuer zu verarbeiten; diesmal war es eine erwachsene Frau, der er maßgebende Anstöße zur Neu-Ordnung seiner Weltbezüge verdankte: Susanne Katharina von Klettenberg. Jener emanzipierten Frau ist als einer „schönen Seele“ im Wilhelm Meister ein Denkmal gesetzt. In ihrem empfindsamen Gemüt fand sich die Neigung zu religiöser Innenschau amalgamiert mit alchimistischem Gedankengut. Bei der Klettenberg war die Liebe zur Alchimie so weit vergeistigt, dass der hingabefreudige Jüngling seine Gottesidee wieder mit der natürlich-kreatürlichen Lebenssphäre in Einklang bringen konnte. Auch sie bahnte ihm den Weg zu Spinoza.

Dieses vorerst letzte Moratorium verlangte seine Zeit, um dann den Genesenen als neuen Menschen nach Straßburg zu entlassen. Statt zur Jurisprudenz tendiert er jetzt zum Studium naturale. Bollmanns Bericht über die weiteren Metamorphosen dieses Forschertums bietet eine Sammlung überzeugender Beispiele dafür, dass Goethes Liebe zur Natur weit mehr als nur der Spleen eines genialen Dichters war. Wer beispielsweise die Wahlverwandtschaften gelesen hat, dem wird kaum entgangen sein, dass hier nicht nur die Psychodynamik des Liebeslebens als sein Beitrag zur Seelennaturkunde geliefert wird; es findet sich eingebettet in tiefgründige mythologische Bezüge des menschlichen Bindungsverhaltens. Das Wahlverwandtschafts-Motiv: Wer sich noch an seinen Chemieunterricht erinnert: Es sind damit die Redox-Verbindungen gemeint, bei denen Ionen über Kreuz mit den komplementären ausgetauscht werden, die hier die schicksalhafte Seite des Menschenlebens versinnbildlichen.

Dem Leser macht Bollmanns Arbeit nachvollziehbar, welche Kräfte in Goethes abenteuerlichem Lebensprojekt wirksam waren. Was die Natur ihm anfänglich zugemutet hatte, setzte er in Eigenregie fort. Wie in einem Selbstheilungsversuch wird ihm das ursprünglich Gefährdende zur Medizin. Goethes Methode: Er lässt sich mit der ganzen Person in das Naturgeschehen ein – oben als „an der frischen Luft“ umschrieben –, um gleichzeitig das Ergriffen-Sein poetisch in Symbolisierungen zu verwandeln. Ihm selbst wird das, was vorher Geschehnis war, zum Erlebnis, das wir nun als seine Leser zu teilen vermögen. Als Poet mit didaktisch-lehrhafter Tendenz wird diese Naturwissenschaft poetisch. Und in der Goethe’schen Poesie vernehmen wir einen Naturton.

Im Schluss-Kapitel des Buches greift Stefan Bollmann auf Goethes Abschied vom Kickelhahn zurück. Auf dieser Anhöhe im Thüringer Wald mit wunderbarer Aussicht auf Ilmenau hatte der Großvater des mittlerweile verstorbenen Herzogs Karl August eine Jagdhütte zimmern lassen, die Goethe liebte. Dort im Schlafraum hatte er in den ersten Weimarer Jahren mit dem Bleistift jene gereimten Zeilen hinterlassen, die uns unter dem Titel Wanderers Nachtlied überliefert sind. Das Gedicht beginnt mit den Worten „Über allen Gipfeln ist Ruh“, um nach wenigen Sätzen zu schließen, „Warte nur, balde ruhest du auch.“ Wehmütiger kann wohl kaum ein Gedicht enden.

Dazwischen heißt es, „In allen Wipfeln spürest du kaum einen Hauch; Die Vöglein schweigen im Walde.“ Keine Menschenseele weit und breit; doch auch das, was man Natur nennen könnte, ist bloß ihre poetische Verwandlung in Wehmut. Die aber senkt sich unmittelbar in unser Gemüt. Augenblick und Ewigkeit scheinen zu verschmelzen. Was in der Wendung „kaum einen Hauch“ sinnlich anwesend scheint, noch verstärkt durch das zärtliche Diminutiv der „Vöglein“, deren Schweigen ihre eigentliche Abwesenheit bekundet, ist die Gestimmtheit der Goethe’schen Seele.

Mir bereitet das wundervolle Sehnsuchtsbild kein Gefühl der Aussöhnung von Mensch und Natur. Goethes Tränen, die ihm nun beim Lesen seiner Zeilen, ein Jahr vor dem eigenen Tode, über die Wangen rinnen, sprechen von wehmütiger Trauer, einer Bilanz des Lebens angesichts des nahenden Todes. Diese Tränen des 82-Jährigen antworten auf jene Begegnungen, die Goethe im Rückblick vor seinem geistigen Auge vorüberziehen sieht. Als Mitmenschen in Raum und Zeit, ließen sie ihn nicht das erleben, was jetzt – in der Rückschau – seine geöffnete Seele ergreift. Erst in der Erinnerung erhält der Mitmensch seine vollere Gegenwart; im Erinnern überwältigt uns die jetzt aufscheinende Gegenwart der damals eventuell nicht ausgeschöpften Chancen.

Ob diese Bemerkungen vom Verfasser des überaus lesenswerten Buches geteilt werden können, weiß ich nicht. Als Leser teile ich Bollmanns Staunen über die Einblicke in die Natur der Dinge, zu denen uns Goethes verzaubernde Beobachtungskunst verhilft. Als Biograph übergeht er die zwiespältigen Seiten seines Protagonisten nicht, bietet keine neue Heiligen-Vita des Mannes. Er insistiert auf die führende Mitarbeit Goethes am Projekt einer gewissermaßen beseelten Wissenschaft. Die Naturwissenschaftlichkeit Goethes wird von ihm verstanden als umfassender Selbstversuch zur Erforschung des symbolischen Idioms der Natur. Seine Scientia amabilis tendierte zur Kunst und seine Poetik zur Wissenschaft. Im Epilog der Monographie zeigt Bollmann diesen Zusammenhang in einer epigrammatischen Sentenz aus dem West-östlichen Divan auf:

Im Athemholen sind zweyerley Gnaden:
Die Luft einziehn, sich ihrer entladen.
Jenes bedrängt, dieses erfrischt;
So wunderbar ist das Leben gemischt.
Du danke Gott, wenn er dich preßst,
Und dank’ ihm, wenn er dich wieder entläßst.

Atem der Welt, so lautet der Titel dieser Biographie. Darin wird Goethes Leben mit einem umfänglichen Blick und einem Verständnis beschrieben, dem der Portraitierte wohl zugestimmt hätte. „Gott oder die Natur“ lautete die Welt-Gleichung Spinozas. Im Kunstwerk können wir dieser Göttlichkeit ansichtig werden. Als Artefakt verlangt es von uns anschauende Hingabe. Die lässt uns dann sogar den Atem der Welt in allen Dingen nachfühlen.